Süddeutsche Zeitung
12./13. Mai, 2001
Geschichte auf des Messers Schneide
Abenteuerspielplatz Amerika: Disneyworld oder Sehenwürdigkeit, Fakt oder Fake?
Die USA machen eine Unterscheidung hinfällig
von Sabine Heinlein
Es
waren einmal der texanische Held James Bowie und sein Bowie Knife. So
könnte die Legende um den berühmten Trapper und sein Messer
beginnen, würde Amerika seinen Helden ihre wohlverdiente
Sterblichkeit gestatten. Doch in Amerika finden die Mythen keine Ruhe.
Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden sie reproduziert,
ergänzt, vermischt und vor allem pompös inszeniert. Gute
Unterhaltung!?
Der Mythos um James Bowie und sein
Messer beispielsweise nahm seinen Anfang im Frühjahr 1836, als
Bowie unter General Sam Houston um die Unabhängigkeit Texas’
von Mexico kämpfte. Bei der Verteidigung des Alamo, einem ehemalig
spanischen Missionsgebäude in San Antonio, verloren rund 190
Männer ihr Leben. Bowie verlor im Eifer des Gefechts nur sein
Messer, dem er allerdings kurz darauf, von einem natürlichen Tod
dahingerafft, ins Elysium folgte. Doch weder Bowie noch sein Bowie
Knife wurden durch jene Tatbestände ihrer Lebhaftigkeit beraubt.
Ganz im Gegenteil: Das Erlebnistheater und das Alamo Museum haben James
Bowie und sein Messer wieder zum Leben erweckt. Als holografischer
Geist kämpft Bowie gemeinsam mit seinem fiedelnden Kumpanen Davy
Crockett und dem schusssicheren Rowdy William Travis heute in der
»Alamo Hi-Tech Experience«. Nur einen Messerwurf vom Ort
des ursprünglichen Gefechts entfernt liegt jenes Theater mit
seinen dreidimensionalen Spezialeffekten, Robotern und beweglichen
Hologrammen. Fast bescheiden wirkt dagegen, was das Alamo Museum in
einer Glasvitrine staunenden Schüleraugen präsentiert: Auf
Samt gebettet liegt »The Authentic Bowie Knife«.
Wie das möglich ist? Die
Familie Bowie besaß im 19. Jahrhundert eine bedeutende
Messerschmiede, in der sie unzählige Bowie Knifes schliff. Auch
das Messer in der Glasvitrine entstammte der Messerschmiede der
Familie. Sein Gefecht könnte es in jedweder Hand geführt
haben. Von der versprochenen Einmaligkeit, die der
Authentizitätsbegriff gewöhnlich voraussetzt, fehlt jede
Spur. Der Mythos von James Bowie und seinem siegreichen Messer scheint
gerade von seiner Vervielfältigung zu leben. Und im
Souvenirgeschäft ist er sogar käuflich: Denn auch hier meint
man das verlorengegangene Bowie Knife wiedergefunden zu haben. An der
»Wall of History” jedenfalls hängt ein Messer:
»The Authentic Bowie Knife” versichert der Schriftzug auf
der Verpackung. Und wie nicht anders erwartet hängen hinter diesem
Messer noch zehn weitere. Alle aus Plastik – alle authentisch?
Remember The Alamo!
Das Bowie Knife bildet eine
wichtige Gedächtnisstütze der Amerikaner. Als Spielzeug,
Postkarte oder Aufkleber hilft es, die Verteidigung des Alamo auch
heute noch glaubwürdig und nacherlebbar zu machen. Mit diesen
Versatzstücken amerikanischer Geschichte und dem texanischen
Schlacht- und Gedenkruf »Remember The Alamo!«, der
gleichfalls auf jedem Accessoire im Souvenirgeschäft zu lesen ist,
kann der Kampf auf gepflegtem amerikanischen Vorstadtrasen fortgesetzt
werden. Als nationales Identifikationssymbol und vielfach modifizierte
Ikone veranschaulicht das Bowie Knife so inhaltsreiche und zugleich
doch nichtssagende Begriffe wie Freiheit, Tapferkeit, Pioniergeist,
Nationalstolz, Unabhängigkeit und Abenteuer – alles
Attribute, mit denen sich Amerika auch heute noch gerne ausstaffiert.
Das Messer ist alltagstauglich, es ist Nutzobjekt und Werkzeug. Aus
Plastik ist es nur noch ein bisschen gefährlich, was seiner
auratischen Wirkung jedoch keinen Abbruch tut. Denn was macht es bei so
umfangreichem und stets gegenwartsbezogenem Symbolgehalt schon, wenn
dieses Messer nur eine Reproduktion ist.
Authentizität und
Originalität erfahren in Amerika eine überraschende
Ausweitung und Ergänzung. Der Umgang des amerikanischen Volkes mit
seinen Nationalmythen und Gedächtnisorten ist spielerischer und
imaginativer, als wir es hierzulande gewohnt sind. Ein emotionales
Nachempfinden von Geschichte wird von den Veranstaltern meist über
ein konkretes Faktenwissen gestellt. Wichtiger erscheint es, dem
Besucher durch Ereignisfolgen einen narrativen Zugang zur Geschichte zu
ermöglichen. Da stört es auch nicht, wenn sich diese
Ereignisfolgen fragmentarisch gegenüberstehen, mitunter
provokative Widersprüche eröffnen oder nur
nebensächliche Details beleuchten. Es entsteht so eine ganz
spezielle Imaginationskette, die zwar durch allseits bekannte Fakten
eröffnet wurde, in ihrem wilden Gefüge jedoch
Zusammenhänge aufweist, die im kollektiven Gedächtnis per se
nicht vorhanden waren.
Konkrete Überreste und deren
gekonnte Ergänzung und Inszenierung machen aus Geschichte
Geschichten – und lebende Bilder, an denen der Tourist beteiligt
ist. Mangelndes Wissen ist hier kein Hinderungsgrund. Das Spiel
lädt jeden ein, mitzumachen. Nicht einmal Verwandlung oder
Kostümierung, wie wir es von unseren europäischen
Mittelalterspektakeln kennen, ist zum Spiel mit der Geschichte
notwendig. Es ist eine eigenartige Mischung die da entsteht: Definitiv
im Heute verankert, sind die Amerikaner doch fest mit ihrer Tradition
verwachsen. Um diese Tradition zu erfahren, muss der Tourist in der
»Alamo Hi-Tech Experience« seine moderne Haut weder ablegen
noch überdecken. Die Broschüre wirbt: »Empfinde das
Abenteuer. Begegne den Verteidigern. Erfahre den Kampf.« Einem
kleinen Jungen, der mit einem Gewehr in der Hand im Faltblatt
abgebildet ist, sind die Worte in den Mund gelegt: »Ich habe den
Kampf um den Alamo überlebt. Es war großartig«.
Darüber das Bild einer applaudierenden Familie. Na, Bravo.
Auf Amerikas Schultern lastet das
Fieber der Phantasie. Denn die Konkurrenz der amerikanischen
Sehenswürdigkeit schläft nicht. Disneyworld mit seinen
bombastischen Luftblasen hat die Amerikaner längst verwöhnt.
Sie haben nun ein immenses Bedürfnis nach immer neuer
Unterhaltung. Jenes unstillbare Bedürfnis nach Amüsement
schickt die Unterhaltungsindustrie gleichsam in einen Wettbewerb.
Formal ist eine Grenze zwischen Disneyworld, Themenpark und
Sehenswürdigkeit kaum noch auszumachen.
Das Ersatz-Imaginäre
Wer sich über den
amerikanischen Umgang mit Geschichte wundert, sollte Pierre Nora zu
Rate ziehen. Der nämlich erklärte 1984, Geschichte und ihre
Darstellung könne immer nur eine subjektive Annäherung an das
wahre Geschehen sein. In seiner inzwischen siebenbändigen
Untersuchung über französische Nationaldenkmäler
prägte der Historiker den Begriff der »lieux de
memoire« und machte ihn auch in den deutschen
Kulturwissenschaften als »Gedächtnisorte« allgemein
gebräuchlich. Für Nora ist Geschichte »die stets
problematische und unvollständige Rekonstruktion dessen, was nicht
mehr ist«: Da es kein unmittelbares Gedächtnis (im Sinne des
Sich-Erinnerns) mehr gibt, muss dieses von »Orten« ersetzt
werden. Als ordnungsschaffende Instanz bezeichnet Nora das
Gedächtnis; aber bei der Rekonstruktion von Gedächtnis
übernehmen Gedächtnisorte jene ordnungsschaffende Funktion.
Da das Gedächtnis unvollständig und »magisch«
sei, nähre es sich von »unscharfen, vermischten, globalen
und unsteten Erinnerungen«. Es sei zu allen
Ȇbertragungen, Ausblendungen, Schnitten und
Projektionen« fähig. Jene Übertragungen, Ausblendungen
und Projektionen werden von den amerikanischen Touristen akzeptiert
– als »Ersatz-Imaginäres«, wie Nora es nennt,
das den »Ausfall der Fiktion« in der heutigen Zeit
wettzumachen sucht.
Nun wäre gegen das
Ersatz-Imaginäre auch in bezug auf das amerikanische Phänomen
nichts einzuwenden. Die absolute Wahrheit wurde ohnehin vor langer Zeit
abgeschafft und schon längst durch die Einsicht ersetzt, dass sich
durch Phantasie und Imaginationskraft durchaus positive Wirkungen
erzielen lassen. Freilich bleibt ein gewisser Skeptizismus erhalten.
Vielleicht möchte man sich in seiner Imagination nicht gerade von
einer »Alamo Hi-Tech Experience« fremdsteuern lassen. Manch
ein Besucher mag sich in seinem Einfallsreichtum hier gehemmt
fühlen und sich fragen, ob die bereitgestellten Fiktionen
tatsächlich spannender sind als die vermeintlichen Fakten. Doch
eine Bewertung der Sehenswürdigkeiten mit den Kategorien
»Fakt« oder »Fake« scheint angesichts der
amerikanischen Bemühungen wenig vielsprechend.
Ein neugeschaffenes
Versatzstück mit seiner übertriebenen Symbolaufladung vermag
das Alte oft wesentlich besser zu repräsentieren als die
Überreste des Alten selbst. Die Möglichkeit der
Berührung und Benutzung eines reproduzierten »Ortes«
durch den Besucher ist nicht zu unterschätzen. Sicherlich
erscheint die Interpretation von Geschichte durch die großen
Spektakel und einseitigen Ikonen oft schematisch, ja formatiert. Doch
Amerika hat auch anderes zu bieten: Ist den Ideen des Individuums Raum
gewährt, gleicht der Vorgarten eines Privatmannes mit seiner
ureigenen Interpretation von Geschichte auch einem Abenteuerspielplatz.
Die phantasievolle Eigeninitiative und das Ersatz-Imaginäre bilden
durchaus keinen Widerspruch; und die zuvor geäußerten
Bedenken, die amerikanische Sehenswürdigkeit blockiere die eigene
Imagination, werden angesichts folgender Kulissen gleichfalls
hinfällig.
In Sümpfen und Geisterstädten
Um dem
»historiophilen« Besucher eine Idee vom Pioniergeist und
den damit verbundenen Abenteuern und Gefahren zu geben, reichen oft
schon ein paar Bretter und ein wenig Farbe aus. So kann man bei einer
organisierten Boottour durch die Sümpfe von New Orleans, nicht nur
in den Genuss kommen, Krokodile mit Marshmallows zu füttern. Der
Führer zeigt den Touristen auch, wie ein Cajun-Fischerleben vor
300 Jahren ausgesehen haben könnte. Könnte – denn was
der neugierige Tourist inmitten der Sümpfe und Krokodile zu sehen
bekommt, ist eine kleine Hütte mit Wellblechdach, an deren
wackeligen Außenwänden Angelzeug und eine Badewanne lehnt.
Aus dem Fensterchen der Hütte beugt sich eine Schaufensterpuppe.
Die Hütte ließ der Sumpfbesitzer von seinem Angestellten
Captain Animal errichten, um den Fremden »ein besseres
Gefühl für unsere Geschichte« zu geben. Doch damit
nicht genug. Die Fahrt auf dem Motorboot geht weiter entlang eines
angeblichen Pionierweges und mündet an einer buschlosen
Uferstelle, die Captain Animal als ersten Friedhof von New Orleans
bezeichnet. Kein Kreuz, kein Grabstein; doch die Touristen stürmen
begeistert auf die andere Seite des Boots, um zu sehen, was nicht zu
sehen ist.
Etwas zu sehen gibt es dagegen in
Amerikas Geisterstädten. So zum Beispiel in Chloride, in der
Wüste Arizonas. Der Begriff Geisterstadt ist etwas
missverständlich, da in Chloride das Leben tobt – zumindest
dem kreativen Erfindungsgeist der Anwohner nach zu beurteilen. Chloride
darf als Paradebeispiel des amerikanischen Pioniergeists und der
Roadside-Attraction gelten. Ehemals Sitz eines Bergwerks, eines
Gefängnisses und einiger Cowboy-Saloons lebt das Dorf heute
für den Tourismus. Das Gefängnis ist als hölzerner
Bretterverschlag nachgestellt, und der rekonstruierte Saloon dient als
Videoverleih. Jeder Bewohner hat sich hier seine eigene amerikanische
Version von Geschichte geschaffen. Auf einem PKW-Anhänger im
Garten eines Anwohners steht ein gigantischer Styropor-Revolver von
mindestens drei Metern Länge. Es scheint nur noch eine Frage der
Zeit zu sein, ehe die Bewohner von Chloride das Bowie Knife in Gestalt
einer Rutschbahn rekonstruieren – denn die amerikanische
Geschichtsdarstellung rutscht auf des Messers Schneide.
Der Konjunktiv der Sehenswürdigkeiten
Sind die Sehenswürdigkeiten
in Sumpf und Wüste noch als Resultat von Kreativität,
Abenteuerlust und Naivität zu verstehen, so fällt dies bei
der Besichtigung des Grand Indian Village, einer sogenannten
indianischen Kultstätte in Natchez, Mississippi schon schwerer.
Weit abseits jeglicher Ballungszentren sollen ein
Souvenirgeschäft, ein paar ausliegende Broschüren und ein
riesiges Gelände, auf dessen englischem Rasen ein paar Schilder
und eine kleine Hütte stehen, den Ort als indianische
Sehenswürdigkeit kennzeichnen. Der blitzblanke Rasen mit seinem
Indian Mount, der Begräbnisstätte, könnte die Besucher
dazu anregen, den Golfschläger aus dem Kofferraum zu holen. In der
heißen, sirupartigen Luft wäre freilich jegliche sportliche
Aktivität eine Tortur. So machen sie sich zu einem Spaziergang
über das grasige Terrain auf, um die Aufschriften der Schilder zu
lesen. Diejenigen, die bereits mit der Cajun-Fischerhütte und
ihrer 300-jährigen Geschichte Bekanntschaft gemacht haben, sind
weniger überrascht, als sie den Schildern entnehmen: An diesem
historischen Ort könnte das Haus des Häuptlings
»Tattooed Serpent« und seines kleiner Bruders »Great
Sun« gestanden haben. Wer das grüne Gras außerdem
betreten hat, darf sich der Besucher ein paar Meter weiter ganz selber
ausdenken. Hier dekuvrieren sich die Gastgeber des Grand Indian
Village: Beim sechsten Schild fehlt die Tafel mit der Aufschrift.
Übrig ist nur der grüne Rahmen, der den dahinterliegenden
Golfrasen zeigt. Der leere Signifikant bezeichnet hier unfreiwillig die
Abwesenheit des Referenten. Was zu sehen ist, ist ein NICHTS –
die Sehenswürdigkeit als blinder Fleck amerikanischer Geschichte.
Dem Versuch, mit dem Konjunktiv
und ein paar mystisch anmutenden vielsagenden Namen den Ort
sehenswürdig zu machen, begegnet man in Amerika häufig.
Sicherlich ist eine Ursache hierfür, dass das kulturelle Erbe der
Vereinigten Staaten rar und wenig vielfältig ist – und das
nicht nur wegen ihrer tatsächlich kurzen Geschichte. Nicht zuletzt
sind die Zeugnisse vorangegangener Kulturen spärlich, weil jene
ausgelöscht oder zur Anpassung gezwungen wurden. Auch spielen
gerade in entlegenen und benachteiligten Gegenden wirtschaftliche
Gründe bei der Entstehung von historischen Sehenswürdigkeiten
eine Rolle. Spielt sich die Imagination von Geschichte auf so harmloser
und freudiger Ebene ab, wie in den Sümpfen von New Orleans oder in
Chloride, wo sich ein paar Männer den Erfahrungen der eigenen
Vorfahren annähern und zugleich Sumpf und Wüste
salonfähig für den Tourismus machen wollen, dann liebt man
die Amerikaner. Der revisionistische Umgang mit ihrer
völkermordenden Vergangenheit beschwört jedoch andere
Gefühle herauf.
James Loewen hat mit seinen
preisgekrönten und auflagestarken Büchern Lies my Teacher
Told Me (1996) und Lies Across America (1999) eine Lawine in der
amerikanischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte
ausgelöst. In seinem zweiten Buch widmet sich der Historiker mehr
als 100 amerikanischen Sehenswürdigkeiten und untersucht sie auf
den Wahrheitsgehalt ihrer Geschichtsversion. Selbst die Legenden, die
sich um große, weltbekannte Begebenheiten und
Persönlichkeiten ranken, entlarvt Loewen als verlogen oder doch
zumindest gehörig verdreht. Dabei entsprängen die Lügen
dem Bedürfnis amerikanischer Institutionen nach einer
Kontinuität von Geschichte und Identität, wie sie die
Wahrheit nicht bereitstelle.
Loewen macht sich allemal
verdient, indem er Amerikas falschen Umgang mit seinen Minderheiten
beklagt. Indem er jedoch die deutsche Gedächtnisdebatte der
Nachkriegszeit den USA als Vorbild gegenüberstellt, ignoriert er
einen bedeutenden Tatbestand. Die Formen der Geschichtsvermittlung in
Amerika zeichnen sich sehr wohl in ihrem Drang zu Narrativität und
Imagination aus. Die Freiheit eines individuellen und kreativen Umgangs
mit der Geschichte eines Landes hat durchaus positive Kapazitäten.
Denn die enge Verknüpfung von Tradition und Alltag der Besucher
und die Möglichkeit der Interaktion beispielsweise bieten ein
wertvolles Potential im Umgang mit Geschichte. Die deutschen Versuche,
Geschichte erlebbar zu machen, erschöpfen sich doch allzu oft in
der bloßen Zurschaustellung gesäuberter Relikte und
polierter Sachkultur. Die museale Warnung der Schilder »Bitte
nicht berühren!« wirkt tatsächlich verstaubt und
lebensfremd. Zudem trägt ein häufig anzutreffendes Zuviel an
historischem Sinn nicht gerade zu einer Lebhaftigkeit und einem
Verstehen von Geschichte bei.
Aus Geschichten wird Geschichte
James Loewen freilich hat es in
Amerika schwer, seinen Anspruch, Geschichte müsse objektiv und
wahrheitsgetreu vermittelt werden, einzulösen. Denn die Triebkraft
der Imagination und der Wille zum Heldenzeugen hat sich schon bis in
die verlassensten Wüstenregionen der USA durchgeschlagen. Genauer
gesagt bis nach Las Vegas. Hier steht das Themenhotel Treasure Island.
In einem Pool vor dem Hotel bekriegt sich einmal stündlich die
Besatzung eines Segelboots und eines Piratenschiffs. Das
fünfminütige Spektakel beginnt mit Triumphmusik. Dann
tönen aus Lautsprechern Dialoge vom Band. Mit ausladenden Gesten
und Drohgebärden wird die Eroberung der Schatzinsel inszeniert.
Die Nationalitäten der Krieger sind unbeschrieben und können
vom Publikum beliebig besetzt und ausgetauscht werden. Am Ende der Show
explodiert eines der Schiffe auf erstaunlich realistische Weise, alle
Männer werden über Bord geschleudert. Dann wieder
Triumphmusik und Applaus. Die Männer tauchen auf, ziehen ihre
Barken zurück in Position und sich selbst neue Kleider an. Unter
ihnen vielleicht auch irgendwo der Held James Bowie mit seinem Messer?
Nach einer Stunde beginnt die Geschichte von vorne – eine Serie
der immergleichen Geschichtswiederholung mit Endexplosion. Auf der
Straßenseite von Treasure Island sind die Bürgersteige
abgeschafft. Die Touristen müssen über Hängebrücken
marschieren und werden vom Rauch der Explosion eingehüllt. Sie
sind nicht länger zahlende Zuschauer, sondern aktiver Bestandteil
des Geschehens. Die Verschränkung von Alltag und Spektakel findet
ihre Perfektionierung auf Treasure Island. Unweigerlich fühlt man
sich hier an die »Alamo Hi-Tech Experience« erinnert. Auch
hier wird im ausgelassenen Spiel der immerwährende
Eroberungsmythos durchexerziert. Er beinhaltet auch den Moment der
Ankunft, des Unbekannten, des Verlusts und des Sieges – alles
Attribute, die eng mit den Erfahrungen des Pioniers und somit Amerikas
verknüpft sind. Vergangenheit und Gegenwart sind in Amerika
gleichsam in Fiktion wie in Realität verortet. Ob unsichtbare
Indianer, vervielfältigte Bowie Knifes oder
„historische“ Bretterverschläge – die Grenzen
zwischen der Nachstellung eines historischen Ereignisses und einem
Theaterspektakel sind fließend. Aus Geschichte werden Geschichten
gemacht und aus Geschichten wird Geschichte gemacht. Die Gleichung ist
beliebig umkehrbar. Eine Unterscheidung wirkt hier akademisch und
weltfremd.
Die Rekonstruktion von Geschichte
in Amerika ist sicherlich zweigleisig: sie endet entweder im
Hollywoodspektakel oder in einer Art von intuitivem Purismus, wie ihn
der Besucher in Form von Roadside Attractions, abseits der großen
Museen und Gedächtnisorte, vorfindet. Der Anspruch, den Besucher
vor vorgefertigten Gedächtniswelten schützen zu wollen, wurde
bereits durch die ersten europäischen Entdecker und Pioniere
zerschlagen; Amerika war immer der große Mythos in der Ferne,
für den die Reiseberichte die Konturen lieferten und deren Inhalt
von den Daheimgebliebenen in den schillerndsten Farben ausgemalt wurde.
Und diese Rolle wird heute von den Veranstaltern der
Sehenswürdigkeiten und von den Massenmedien übernommen:
eine Art Malen nach Zahlen. Weniger interessant jedoch sind die Zahlen
und Konturen der Inszenierungen, die tatsächlich nur der
Kontinuität von Geschichte und der einseitigen, ungebrochenen
Identität einer Nation zuarbeiten. Weiterführender dagegen
sind schon die Ausrutscher der Gedächtniskünstler. In ihnen
offenbart sich eine besondere Geschichtsauffassung – und der
wahre Zustand einer Kultur, die ein individuelles Verstehen von
Geschichte erlaubt, ja fördert, ohne eine absolute Wahrheit
vorauszusetzen.